Introvertiert und schüchtern

Trifft das auch auf dich zu?

Fragst du dich manchmal auch: „Bin ich introvertiert?“ Oder suchst du nach einem Test der dir sagt, ob du introvertiert bist? Wer im Internet nach Informationen dazu sucht, wird schnell mit Tests zu Introvertiertheit überhäuft. Wir wollen dir bewusst keinen Test zum Thema Introvertiertheit liefern. Es ist gut nachvollziehbar, dass du den Wunsch hast, dich besser kennenzulernen. Die aktive Auseinandersetzung mit sich selbst ist eine spannende und vielversprechende Sache. Aber wir denken, dass diese Tests nicht wirklich seriös sind und dir nicht wirklich verlässliche Informationen darüber geben, ob du ein eher introvertierter Mensch bist und vor allen Dingen klären sie deine damit verbundenen persönlichen Fragen nicht. Natürlich lassen wir dich nicht im Regen stehen und gehen hier der Frage nach, was es heißt, introviert und schüchtern zu sein und wie man in dieser Welt voller Selbstdarsteller seinen Platz finden kann.

Dazu geben wir dir vor allen Dingen hilfreiche Fragen und Haltungen zum Umgang mit Schüchternheit und Introvertiertheit mit. Wir zeigen welche verschiedene Sichtweisen es auf das Thema gibt und versuchen,  Inspiration und Mut zu deinem eigenen Weg in einer lauten Welt anzuregen.

Wenn du eine anonyme und kostenlose Online Beratung per Mail oder Chat zum Thema Introvertiertheit und Schüchternheit wünschst, schreib uns hier.

Was ist Introvertierheit?

Was Introvertierheit bedeutet und warum man nicht entweder introvertiert oder extrovertiert ist

Heute wird davon ausgegangen, dass rund ein Drittel aller Menschen introvertiert sind. Aber was bedeutet das eigentlich? Der Duden beschreibt diese als „Konzentration des Interesses von der Außenwelt weg auf innerseelische Vorgänge; nach innen gerichtete Haltung oder Einstellung“. Der Begriff Introvertiertheit geht auf den Psychoanalytiker Carl Gustav Jung zurück und beinhaltet die Persönlichkeitspole Introversion und Extraversion (nach außen gerichtet). Er konstruiert diese Gegensätze als zwei Pole und das Selbst befindet sich im Kontinuum dazwischen. Keiner ist also rein intro- oder extrovertiert. Das Schwarz-Weiß Schema gehört demnach in den Papierkorb und hat nichts mit dem realen Leben zu tun.

Wann du magst, schau mal bei dir selbst. Gibt es bei dir verschiedene Persönlichkeitsanteile und wenn ja, welche sind eher extrovertiert oder introvertiert? Oft werden Schüchternheit und Introvertiertheit in einem Atemzug genannt, jedoch sind es unterschiedliche Begriffe. Schüchternheit ist eine Verhaltensweise, welche durch Kontakthemmung gekennzeichnet ist, wohingegen Introversion wie oben beschrieben erst einmal nur den Fokus auf die Innenwelt darstellt.

Die Persönlichkeitspsychologie geht anhand des Big 5 Persönlichkeitsmodells davon aus, dass rund die Hälfte der Persönlichkeit durch individuelle Umweltbedingungen, also allgemein Erfahrungen, und die andere Hälfte durch genetische Anteile, also Vererbung, geprägt sind. Introversion kann man sich also sowohl aneignen, als auch in die Wiege gelegt bekommen. Das ist dann auch schon ein spannender Punkt. Fragt mal eure Eltern, ob ihr als Kind eher introvertiert der extrovertiert wahrgenommen wurdet? Vielleicht ja auch als eine Mischung daraus. Es kann spannend sein, das mit eurem heutigem Selbst abzugleichen. Man geht davon aus, dass bis zum 30. Lebensjahr Persönlichkeitskonstellationen stabil werden und sich erst wieder im hohen Alter ändern. Das heißt auch, dass bis zum 30. Lebensjahr ein dynamischer Persönlichkeitsprozess von statten geht.

Wenn du denkst, dass deine Schüchternheit sehr stark ausgeprägt ist und dein Leben massiv behindert, kannst du dich hier über Angststörungen informieren. Eine Diagnose muss immer und ausschließlich eine Fachperson stellen, nicht du selbst und ganz sicher nicht Internettests.

 

Bin ich introvertiert?

So findest du heraus, ob du introvertierte Anteile hast

Hier ein paar Fragen, die dir erste Hinweise erlauben, ob du introvertierte Anteile hast:

  • Du verbringst lieber Zeit alleine als in einer Gruppe Menschen?
  • Deep Talk sticht oberflächlichen Smalltalk?
  • Du arbeitest gerne detailliert und ausdauernd anstatt schnell immer neue Aufgaben anzugehen?
  • Dein Wahlspruch ist: „Erst denken, dann reden?“ Dir ist es sehr wichtig, überlegte Aussagen zu treffen?
  • Du drückst dich lieber schriftlich als mündlich aus?
  • Du brauchst regelmäßig Ruhe um zu dir zu kommen, dich zu sammeln und deine Gedanken und Gefühl zu sortieren?
  • Spontanität ist nicht deine Sache- legst du Wert auf überlegte Aktionen?
  • Stehst du ungerne im Mittelpunkt?
  • Lieber konzentrierte Eigenarbeit anstatt Brainstorming in der Gruppe?
  • Lieber kein Stress? Hältst du deine Meinung zurück, um nicht bei anderen anzuecken?
  • Stellst du dir oft die Frage: „Was denken die anderen über mich?“
  • Dauert es eine Weile, bis du dich fremden Menschen öffnest?
  • Bringen dich unvorhergesehene Situationen durcheinander

Leise Menschen in einer lauten Welt

Wenn du einige dieser Fragen mit ja beantworten konntest, gehörst du vielleicht auch zu den leisen Menschen in einer lauten Welt. Leise Menschen in einer lauten Welt? Das suggeriert einen Miss-Fit, eine Diskrepanz zwischen den leisen, introvertierten Menschen und einer Welt, die laut ist, in denen Selbstdarsteller das große Stück vom Kuchen abbekommen. Die besseren Noten bei Präsentationen, viele Bekannte und Freunde, eine*n tolle*n Partner*in und mehr Erfolg in Uni, Ausbildung und Schule.

Bei erster Betrachtung könnte man als introvertierter Mensch denken, man passt nicht in diese laute Welt und müsse sich ihr stark anpassen. Selbstbewusster und mutiger werden, sich immer und überall in Szene setzen. Egal ob auf Instagram, in der Bar oder einem Café.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber die Brutalität dieser Perspektive auf den Anpassungskonflikt zwischen dir und der Welt. Wenn du denkst: „Ich bin nicht passend, zu leise, zu schüchtern, ich bin nicht genug für diese Welt“ dann nimmst du eine echt harte Position gegen dich ein. Das ist verständlich, denn Studien haben tatsächlich ergeben, dass extrovertierte Menschen häufiger Führungspositionen einnehmen, als kompetenter und teilweise sogar attraktiver wahrgenommen werden.

 

 

Erfolgsrezept: Mehr Schein als Sein?

Introversion als Chance für ein erfülltes Selbst

Es liegt also nahe zu sagen: „Mehr Schein als Sein ist ein Erfolgsrezept“. Es gibt dabei aber ein Problem, du musst dich ständig aus deiner Komfortzone begeben, was wahnsinnig anstrengend sein kann. Carl Rogers, zeitlebens der meistzitierte amerikanische Psychologe in den 1970ern, beschrieb auf Basis seiner therapeutischen Erfahrung in dem Buch „Die Entwicklung der Persönlichkeit“ Dimensionen einer hilfreichen persönlichen Entwicklung. Für unser Thema Introvertiertheit und Anpassung können folgende Annahmen aufschlussreich sein.

  • Die Akzeptanz des eigenen Selbst, also dem was man in sich fühlt und denkt in vollstem Ausmaß als das Eigene und Besondere anzuerkennen
  • Kongruenz, also das stimmige Zusammenspiel des inneren Selbst und dem äußeren Kontakt mit Menschen und Situationen.

Nach Rogers Auffassung sind eine massive Beeinträchtigung von Selbstakzeptanz und Kongruenz die Ursache für vielfältiges psychisches Leiden. Auch wenn er nicht direkt von Introversion gesprochen hatte, drängt sich doch die Wahrnehmung der hohen Qualität für ein erfülltes Innenleben durch gelebte und akzeptierte Introversion nach dieser Sichtweise auf.

Wie soll ich mit introvertierten und schüchternen Anteilen umgehen?

Also was nun? Wie umgehen mit eigener Schüchternheit und Introvertiert? Wie kann ich meine Ziele in dieser Gesellschaft erreichen und trotzdem in einem guten Kontakt zu meinem inneren Selbst stehen?

Es gibt zahlreiche erfolgreiche Menschen, die dem introvertierten Spektrum zugeordnet werden können: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Umweltaktivistin Greta Thunberg, Bürgerrechtlerin Rosa Parks oder Facebookgründer Marc Zuckerberg sind nur einige davon. Alles ist also möglich, egal, ob du introvertierte Anteile in dir hast oder nicht. Die herausfordernde Frage wird dann sein, eine Balance deiner introvertierten Anteile und deiner Lebensziele herzustellen. Dazu gibt es keine pauschalen Antworten, sondern es wird ein längerer Prozess sein, indem du dir diese Fragen immer wieder vor Augen führen kannst. Die Beantwortung folgender Fragen können dir helfen, einen hilfreichen, auf dich zugeschnittenen Weg zu finden, der deine Introversion fördernd einbringt:

  • Was sind meine persönlichen Lebensziele?
  • Wie können meine introvertierten Anteile meinen Lebenszielen dienlich sein?
  • Was brauche ich, damit es mir und meinen introvertierten Anteilen gut geht?
  • Wo ist meine rote Linie? Welche Bedürfnisse möchte ich unbedingt schützen und wann ist es für mich okay, meine Komfortzone zu verlassen, um meine Ziele zu erreichen?
  • Wie merke ich an mir, dass meine rote Linie überschritten ist?

Mittlerweil haben sich die Potentiale von Introvertiertheit herumgesprochen. Autoren wie die US-Amerikanerin Sarah Cain (Buch „Still und Stark“) und die deutsche Sylvia Löhken (Buch: „Leise Menschen, starke Wirkung“) weisen auf die Potentiale von Introvertiertheit in westlichen Gesellschaften hin. Frau Löhken nennt zum Beispiel die für introvertierte Menschen typische Stärken Konzentration, Ruhe, Einfühlungsvermögen, Beharrlichkeit und Tiefgang. Frau Cain verweist auf die Vorteile von stillen Führungskräften.

Wenn du durch diesen Beitrag inspiriert bist, dich weiter mit dem Thema zu beschäftigen, kannst du gerne bei B2 Onlineberatung eine persönliche Beratung per Mail oder Chat nutzen, um deine Fragen weiterzuentwickeln.

 

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